Weniger ist mehr

Ganz leise kann ich meine Bekannten, die mich längere Zeit nicht gesehen haben, kichern hören. Denn das Thema, über das ich jetzt schreibe, scheint im ersten Augenblick so gar nicht zu mir zu passen. Das stimmt auch, jedenfalls bis noch vor ungefähr eineinhalb Jahren. Wovon ich spreche? Vom Minimalismus.

Bis vor wenigen Jahren war mein Lebensmotto „Kitsch as Kitsch can“. Je bunter und gruseliger eine Sache war, desto besser fand ich sie. Meine Wohnung wurde bevölkert von rosa Häkelschweinen, Weihnachtsmannkulis mit Wackelkopf, blinkenden Madonnenfiguren, Schneekugel-Fotorahmen mit rosa Plüsch drumrum und Salz- und Pfefferstreuern in Froschkönigform (die Liste lässt sich beliebig fortsetzen). Auch meine Freunde und Familie habe ich mit solchen Dingen beglückt. Meine Schwester nannte sie die „Kitsch-Geschenke“ und hat mir jedes Mal zum Geburtstag und zu Weihnachten auch solche Dinge geschenkt. Ihre Geschenke aber waren ironisch gemeint, meine nicht.

Doch das war früher. Vor drei Jahren sind wir umgezogen und bei dieser Gelegenheit haben wir gleich einmal ausgemistet. So tauchten beispielsweise unausgepakte Kartons vom Umzug acht Jahre zuvor auf. An das meiste Zeug konnte ich mich nicht einmal mehr erinnern. Am Ende hatten wir rund zehn blaue Säcke entsorgt und waren um eine Erfahrung reicher. Nämlich, dass es sich verdammt gut anfühlt.

Aber wie es im Leben so ist fällt man schnell wieder in alte Gewohnheiten zurück. In kürzester Zeit waren alle Schränke wieder voll mit Schüsselchen und Teelichthaltern und verschiedenstem Dekozeug für die unterschiedlichen Jahreszeiten.

Zu etwa dieser Zeit begann meine beste Freundin sich für das Thema „Minimalismus“ zu interessieren. Etwas, dass ich mir für mich absolut nicht vorstellen konnte. Freiwillig auf Dinge verzichten? Wozu sollte das gut sein? Drückte mein kreatives Chaos nicht meine Persönlichkeit aus? Und was sollte denn dann aus meiner geliebten Kitsch-Sammlung werden? Aber nach und nach setzte sich der Gedanke, dass weniger vielleicht doch mehr sein könnte, auch in meinem Hirn fest. Und nagte und nagte und hatte sich irgendwann richtig breit gemacht.

So breit, dass ich vor zwei Monaten meine vier großen Kisten mit potentiellen Flohmarktartikeln einem Sozialkaufhaus spendete. Es fühlte sich großartig an. Nicht nur, weil in der Abstellkammer nun Platz für anderen Kram war, der in der Wohnung verteilt war. Großartig auch, weil sich unsere Wohnung auf einmal so luftig anfühlt.  Unsere schönen alten Möbel rücken nur für sich selbst stehend und ohne diverse Bilderrahmen drauf auf einmal viel mehr ins Blickfeld. Und nicht zu vergessen ist das befriedigende Gefühl, eine Entscheidung getroffen zu haben, die man nicht bereut. Denn bisher habe ich noch nicht einen der aussortierten Gegenstände vermisst.

Achtung, jetzt krame ich meine rudimentären Kenntnisse in Küchenpsychologie heraus: Bei meinen Aufräumaktionen habe ich erkannt, dass ich viele Dinge nicht behielt, weil ich sie brauchte oder mochte. Sondern weil sie ein Geschenk waren und ich den Schenker nicht verletzen wollte. Doch das ist Quatsch. Irgendwo habe ich kürzlich gelesen, dass der Schenkende mit seiner Gabe eine Freude bereiten will. Dieses Ziel hat er in dem Moment, in dem er sein Geschenk übergibt, erreicht. Trenne ich mich von dem Geschenk, dann lehne ich ja nicht automatisch den Schenkenden ab. Seit mir das klar wurde, habe ich überhaupt kein Problem damit, die Herzchentasse von meiner Freundin, die Teelichthalter von meiner Tante oder die Stoffgirlande von meiner Schwester auszusortieren.

Und sollten meine Freundin, meine Schwester oder meine Tante das hier jetzt lesen: Ich habe euch sehr, sehr lieb. Auch ohne Nippes im Wohnzimmer, der mich an euch erinnert.

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3 Kommentare zu “Weniger ist mehr

  1. Freut mich so sehr, dass ich dich „angesteckt“ habe! Das Ausmisten ist der Beginn……mal sehen,wo es endet. Vielleicht kommst du irgendwann doch noch mit auf meinen zukünftigen Bauernhof, wir pflanzen zusammen Gemüse an und füttern die Hühner ;-).
    PS) Du trennst dich von der Herztasse und ich vom James Bond Buch 🙂

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