Der Möchtegern-Philosoph

Ein Jahr lang hatte ich den „Stern“ abonniert. Im Großen und Ganzen gefällt mir diese Zeitschrift wirklich gut: schöne Kolumnen, tolle Fotos und teilweise sehr interessante Reportagen. Eine Sache aber hat mich anfangs nur genervt, inzwischen aber ärgert sie mich ziemlich (besser gesagt „hat mich geärgert“, denn mein Abo ist seit zwei Wochen vorbei). Die Rede ist von der Kolumne von Rolf Dobelli.

Seit Oktober stellt der Autor (den ich erst einmal googlen musste da ich noch nie von ihm gehört hatte) in seiner Serie „Das Leben ist voller Fragen“ Fragen, die laut Untertitel „Gelegenheit zur anregenden Selbsterforschung“ geben sollen. Die Idee dahinter finde ich klasse. Ich mag es, wenn ich von außen einen Denkanstoß bekomme, jemand Fragen aufwirft, die ich mir so noch nie gestellt habe oder wenn mich intelligente Fragen dazu bringen, meinen eigenen Standpunkt zu hinterfragen. Aber genau an dieser Stelle liegt bei Dobelli das Problem: Seine Fragen sind zu intelligent. Mehr noch, sie sind so extrem pseudo-philosophisch, dass sie total am realen Leben vorbei gehen. Ein paar Beispiele gefällig? Gerne:

  • „Welchen Gedanken würden Sie niemals denken?“ (20. Februar 2014)

  • „Nach welchen Werten suchen Sie ihre Werte aus?“ (23. Januar 2014)

  • „Wie hätte Rousseau reagiert, wenn ihm in den Wäldern um den Genfer See ein Mountainbiker entgegen gekommen wäre? Bitte erfinden Sie einen kurzen Dialog.“ (13. Februar 2014)

  • „Wann haben Sie aufgehört, verständlich sein zu wollen, oder sind Sie noch nicht so frei?“ (27. Februar 2014)

  • „Was denkt der Altphilologe, wenn er auf der E65 zwischen Athen und Sparta im Stau steht?“ (11. März 2014)

Anfangs war ich nur ein wenig irritiert. Dann aber stellte ich fest, dass jede Dobelli-Kolumne aus so unverständlichem Zeug besteht. Ich habe den Eindruck, dem Herrn geht es weniger darum, anderen Menschen Denkanstöße zu geben. Ich habe kein Problem damit, auf einer Frage ein wenig länger herum zu kauen. Und wenn sich ein Satz oder eine Anregung still und heimlich in meinem Hirn festsetzt und sich in unerwarteten Momenten wieder meldet, dann bin ich regelrecht begeistert. Doch auch wenn er angeblich genau das erreichen will, habe ich den Verdacht, dass es Rolf Dobelli in erster Linie darum geht, seinen eigenen Intellekt zu präsentieren. Schön, wenn man dafür vom Stern auch noch Geld bekommt. Als Leser aber kam ich mir ein wenig verarscht vor.

 

 

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s