Love is all around

Liebe – ein so kleines Wort, das für doch so viel bedeutet und so viel verändern kann. Laut Wikipedia ist sie die stärkste Zuneigung oder Wertschätzung, die ein Mensch einem anderen entgegen bringen kann. Jemanden zu lieben macht gleichzeitig stark und sehr schwach. Und eben weil Liebe etwas so Besonderes ist, sollte man meiner Meinung nach sehr sorgfältig mit ihr umgehen. Mit der Liebe an sich ebenso wie mit dem Begriff.

Auch in der Werbung ist der besondere Wert der Liebe angekommen. Schon ziemlich lange in Bereichen wie Parfum, Schokolade oder, wenn Mütter vorkommen, eigentlich immer. Und genau hier ist das Problem.

Die Edeka-Werbung mit dem „Wir lieben Lebensmittel“-Spruch ist ja inzwischen ziemlich bekannt. Vor einigen Tagen aber sah ich spät abends den neuen Spot von UPS. Ihr wisst schon, das sind die, die uns die im Internet bestellten Schuhe und Bücher liefern und dabei fast nie zum angegebenen Zeitpunkt erscheinen. Ganz zum Schluss des Spots verkündete UPS: „Wir lieben Logistik“. Auch bei McDonalds lieben sie es und der Schuhhändler Deichmann betreibt sein Geschäft weil – an dieser Stelle darf gerne geraten werden – weil „wir Schuhe lieben“. Es ist eine schrecklich liebevolle Welt, in der wir leben.

Für meinen Geschmack inzwischen zu liebevoll. Warum bitte wollen die Firmen ihren Kunden auf Krampf davon überzeugen, dass sie ihre Produkte nicht deshalb verkaufen, weil sein nun einmal ihr Geld damit verdienen? Sondern weil sie Päckchen, Gurken oder Turnschuhe so sehr lieben, dass sie sie dem Rest der Welt nicht vorenthalten können. Weshalb reicht es nicht mehr, wenn die Schuhverkäuferin Freude daran hat, ihr Kundinnen zu beraten? Oder wenn der Paketfahrer einfach nur zufrieden ist, seine Tour pünktlich und ohne Unfälle beendet zu haben?

Ohne Liebe ist das Leben traurig. Ebenso traurig aber wäre es, wenn der Lebensmittelhändler, die Schuhverkäufer, der Burgerbrater und der Paketbote das einzig Liebenswerte ihres Lebens bei der Arbeit finden würden.

 

Tsundoku: Anna Karenina

Ein wenig schäme ich mich ja, aber trotz abgeschlossenem Literaturwissenschaftsstudium hatte ich tatsächlich noch nie Tolstois „Anna Karenina“ gelesen. Das habe ich nun endlich nachgeholt. Und ich muss sagen, dass ich ziemlich überrascht war.

Ausgehend vom Titel (und von meinen Erfahrungen mit Effie Briest) dachte ich, dass es eben nur um Anna Karenina geht. Und dann taucht die Dame erst auf Seite 86 auf. Und bis sie sich endlich mit Wronskij einlässt dauert es noch einmal weitere 100 Seiten.

Dafür gibt es im Buch noch viele andere Hauptfiguren, mit denen ich nicht gerechnet hatte und anhand derer alle Spielarten von glücklichen und unglücklichen Liebesbeziehungen durchgespielt werden.

Ich hatte natürlich damit gerechnet, dass Anna und Wronskij nicht glücklich bis ans Ende ihrer Tage miteinander leben würden. Umso erstaunter war ich aber, dass Anna sich tatsächlich von ihrem Mann trennt, dieser Wronskij jedoch nicht zum Duell fordert und Anna und Wronskij einige Zeit mit ihrer gemeinsamen Tochter ein einigermaßen glückliches Leben führen. Und ich muss zugeben, dass es mir gefallen hat, dass Anna nicht an einer Krankheit stirbt, sondern sich am Ende selbst das Leben nimmt. Effie Briest war da ein weniger selbstbestimmtes Ende beschieden.

Verzichten können hätte ich jedoch sehr gut auf die seitenlangen Exkurse zu den Themen Politik, Landwirtschaft und Aufbau der russischen Verwaltung. Und wenn mir jetzt noch jemand erklären könnte, wann der russische Adel seine Mahlzeiten zu sich nimmt… (Mittag um sieben Uhr???)

Alles in allem hat mir „Anna Karenina“ trotz seiner 1000 Seiten wirklich gut gefallen.

Meine Kommentare zu den Büchern, die ich gelesen habe, finden sich übrigens auch auf der Seite Tsundoku.

Was meine Fernsehzeitung über mich sagt

Man mag es mir zwar auf den ersten Blick nicht ansehen, aber ich bin kein Mensch. Zu diesem Ergebnis kam ich nach verschiedenen Tests in meiner Fernsehzeitung.

Die veröffentlicht in regelmäßigen Abständen so hübsche Fragebögen, mit denen die Leser mehr über sich selbst erfahren können. Dinge wie Meinungen zu etwas, gelesene Bücher oder Sachen, für die man sich einsetzt, wären natürlich zu langweilig. Die Wege zur Selbsterkenntnis führen bei meiner Fernsehzeitung über Tapetenfarben, Frisuren und Fernsehserien.

„Zeig mir wie du wohnst, und ich sag dir, wie du bist“ heißt es da beispielsweise beim Test „Welcher Tapeten-Typ sind Sie?“. Laut des Tests überlässt der Pragmatiker bei der Tapetengestaltung nichts dem Zufall und hat eine Vorliebe für klare Formen, beim Unbekümmerten müssen Farben und Muster nicht unbedingt zusammen passen, der Prestigebewusste hat seine Tapeten perfekt auf sein Leben abgestimmt und der Wild-Kreative steht auf ausgefallene Farbmixe und starke Muster. Eines allerdings fehlt – die bei mir in den meisten Räumen anzutreffende Raufasertapete. Hm.

Vielleicht erfahre ich ja beim nächsten Test mehr über mich. Immerhin verspricht der Untertitel: „Was Ihre Lieblingssendung über Sie verrät“. Zur Auswahl stehen die ARD-Nonnen aus „Um Himmels Willen“, die amerikanische Krimiserie „CSI Miami“, der Heimatkrimi „Hubert und Staller“, die „Lindenstraße“, „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ und die Sitcom „Two and a half Men“. Die einzige der Sendungen, die ich ab und zu einmal sehe, ist „CSI Miami“. Der Einschätzung des Zeitungseigenen Medienpsychologen kann ich mit der „Betroffenheitskultur deutscher Krimis“ nichts anfangen. Stimmt. Der „Tatort“ läuft bei mir sonntags auch immer nur, weil ich das Flimmern des Bildschirmes so beruhigend finde.

Bleibt noch der letzte Test, um endlich herauszufinden, wer ich bin: „Was die Frisur verrät.“ Untertitel: „Zeig mir deine Haare, und ich sag dir, wer du bist.“ Na, das klingt doch vielversprechend. Hätte ich eine Kurzhaarfrisur, dann wäre ich eine selbstbewusste und kompetente Frau. Könnte ich eine wallende Lockenpracht mein Eigen nennen, wäre ich ein lebendiger und optimistischer Mensch. Und bei langen und glatten Haaren würden Ordnung und Struktur mein Leben bestimmen. Allerdings habe ich weder kurze noch lockige noch lange Haare.

Und so bleibt mir nach der Auswertung der drei Tests nur ein Schluss: Ich bin kein Mensch. Was ich jedoch bin, das verrät mir ja vielleicht demnächst ein weiterer Test in meiner Fernsehzeitung.

Keine Wahl

Vor wenigen Tagen wäre ich beinahe daran gescheitert, Kartoffeln zu kaufen. Nicht, weil der Laden keine hatte. Im Gegenteil, er hatte eine so große Auswahl, dass ich meine Sorte kaum gefunden habe. Auf dem rund zwei Meter breiten Regal lagen fest- und mehligkochende Kartoffeln (beide Sorten natürlich auch in der Biovariante), welche aus der Region, von etwas weiter her oder von ganz weit weg. Ich hatte die Wahl zwischen Kartoffeln in Beuteln zu 1,5 Kilo, 2,5 Kilo oder sogar Familiensäcken mit fünf Kilo Inhalt oder hätte Kartoffeln mit rotem, grünem oder blauem Etikett nehmen können. Fast zehn Minuten dauerte es, bis ich meinen 1,5-Kilosack mit festkochenden Biokartoffeln endlich gefunden hatte. Denn ich war von der riesigen Auswahl schlicht erschlagen.

Anscheinend geht es nicht nur mir so. Kürzlich hat Meike Winnemuth in ihrer Stern-Kolumne darüber geschrieben, wie glücklich es machen kann, keine Wahl zu haben. Und die Frau hat recht. Natürlich ist es toll, sich unter 73 Joghurt-Variationen genau die aussuchen zu können, die perfekt zur heutigen Gemütslage passt. Auf der anderen Seite aber kann es auch befreiend sein, nur zwischen drei Sorten wählen zu können. Erstens, weil der Einkauf so viel schneller geht. Und zweitens, weil man so nicht andauernd an der einmal getroffenen Entscheidung zweifelt. Der Himbeer-Maraquja-Joghurt sieht zwar sehr lecker aus. Aber hätte ich nicht vielleicht doch den in der Richtung Cranberry-Alge nehmen sollen?

Im Falle von Meike Winnemuth wurden ihr die fehlenden Wahlmöglichkeiten von außen vorgegeben (Das einzig geöffnete Restaurant an ihrem Urlaubsort hatte eben nur noch Kartoffelsuppe im Angebot). Ich habe mir in den vergangenen Monaten selbst viele Möglichkeiten genommen. Teils bewusst, teils unbewusst. Und es fühlt sich großartig an.

So ist die Hinwendung zum Minimalismus ja eigentlich auch eine Art des selbst gewählten Einschränkung. Wer, so wie wir, nur noch eine Sorte Sektgläser im Schrank hat oder die vielen unterschiedlichen Pastateller aussortiert hat, der muss halt nehmen, was da ist. Eine Entscheidung ist da weder möglich noch nötig.

Und auch meine vegane Ernährungsweise empfinde ich inzwischen als eine Einschränkung im positiven Sinne. In Restaurants grübele ich nicht mehr ewig, was ich denn essen möchte. Schlicht, weil ich mich nur noch zwischen zwei oder drei Gerichten entscheiden muss. Satt bin ich trotzdem immer geworden. Auch die Wahl eines Joghurts ist inzwischen schnell getroffen, denn zum Glück gibt es noch nicht so viele Sorten Sojajoghurt. Und Kirschjoghurt passt zu jeder Gemütslage.