Keine Wahl

Vor wenigen Tagen wäre ich beinahe daran gescheitert, Kartoffeln zu kaufen. Nicht, weil der Laden keine hatte. Im Gegenteil, er hatte eine so große Auswahl, dass ich meine Sorte kaum gefunden habe. Auf dem rund zwei Meter breiten Regal lagen fest- und mehligkochende Kartoffeln (beide Sorten natürlich auch in der Biovariante), welche aus der Region, von etwas weiter her oder von ganz weit weg. Ich hatte die Wahl zwischen Kartoffeln in Beuteln zu 1,5 Kilo, 2,5 Kilo oder sogar Familiensäcken mit fünf Kilo Inhalt oder hätte Kartoffeln mit rotem, grünem oder blauem Etikett nehmen können. Fast zehn Minuten dauerte es, bis ich meinen 1,5-Kilosack mit festkochenden Biokartoffeln endlich gefunden hatte. Denn ich war von der riesigen Auswahl schlicht erschlagen.

Anscheinend geht es nicht nur mir so. Kürzlich hat Meike Winnemuth in ihrer Stern-Kolumne darüber geschrieben, wie glücklich es machen kann, keine Wahl zu haben. Und die Frau hat recht. Natürlich ist es toll, sich unter 73 Joghurt-Variationen genau die aussuchen zu können, die perfekt zur heutigen Gemütslage passt. Auf der anderen Seite aber kann es auch befreiend sein, nur zwischen drei Sorten wählen zu können. Erstens, weil der Einkauf so viel schneller geht. Und zweitens, weil man so nicht andauernd an der einmal getroffenen Entscheidung zweifelt. Der Himbeer-Maraquja-Joghurt sieht zwar sehr lecker aus. Aber hätte ich nicht vielleicht doch den in der Richtung Cranberry-Alge nehmen sollen?

Im Falle von Meike Winnemuth wurden ihr die fehlenden Wahlmöglichkeiten von außen vorgegeben (Das einzig geöffnete Restaurant an ihrem Urlaubsort hatte eben nur noch Kartoffelsuppe im Angebot). Ich habe mir in den vergangenen Monaten selbst viele Möglichkeiten genommen. Teils bewusst, teils unbewusst. Und es fühlt sich großartig an.

So ist die Hinwendung zum Minimalismus ja eigentlich auch eine Art des selbst gewählten Einschränkung. Wer, so wie wir, nur noch eine Sorte Sektgläser im Schrank hat oder die vielen unterschiedlichen Pastateller aussortiert hat, der muss halt nehmen, was da ist. Eine Entscheidung ist da weder möglich noch nötig.

Und auch meine vegane Ernährungsweise empfinde ich inzwischen als eine Einschränkung im positiven Sinne. In Restaurants grübele ich nicht mehr ewig, was ich denn essen möchte. Schlicht, weil ich mich nur noch zwischen zwei oder drei Gerichten entscheiden muss. Satt bin ich trotzdem immer geworden. Auch die Wahl eines Joghurts ist inzwischen schnell getroffen, denn zum Glück gibt es noch nicht so viele Sorten Sojajoghurt. Und Kirschjoghurt passt zu jeder Gemütslage.

 

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