Tsundoku: „Internet – Segen oder Fluch“

Ein wenig seltsam fühlte es sich ja schon an, das Buch mit dem Titel „Internet“ von Kathrin Passig und Sascha Lobo nicht am Bildschirm, sondern als klassisches Buch vor mir liegen zu hben. Länger hatte ich mich gesträubt, dieses Buch zu lesen. Denn irgendwie ist mir der rote Irokese Lobo nicht so richtig sympathisch – und dass, obwohl ich zugeben muss, mich vor über fünf Jahren seinetwegen bei Twitter angemeldet zu haben. Außerdem befürchtete ich, dass es sich um ein Fachbuch mit lauter Nerd-Chinesisch handelt.

Aber es hat sich gelohnt, meine innere Abwehr zu überwinden. Denn das Buch ist gut strukturiert, die einzelnen Kapitel sind leicht verständlich und bauen aufeinander auf. Den Anfang macht ein Kapitel, in dem es gar nicht wirklich ums Internet geht. Sondern ganz generell darum, weshalb es so schwer ist, sich auf andere Meinungen einzulassen. Und weshalb die „Gegner“ überhaupt anders denken könnten: „Mangelhafte Kenntnis der Tatsachen sei der einzig denkbare Grund dafür, dass jemand eine andere Meinung vertreten könnte als die eigene.“ Doch auch für den Leser haben Passig und Lobo einen guten Tipp parat: „Kalkulieren Sie den Drang ihres Gehirns ein, Ihren andere Weltanschauungen in einem unvorteilhaften Licht darzustellen.“

In den weiteren Kapiteln geht es Probleme mit der Informationsüberflutung, die Konflikte zwischen der Freiheit im Internet und notwendiger Regulierung oder Urheberrechtsfragen. Die Autoren geben keine abschließende Antwort auf die Frage, ob das Internet denn nun Fluch oder Segen ist. Aber sie geben in vielen Kapiteln Tipps zum Umgang mit und zum eigenen Verhalten im Internet. Einen dieser Tipps habe ich heute gleich umgesetzt. Wie Passig/Lobo als Ausweg aus der so genannten „Filterblase“ vorgeschlagen haben, habe ich kurz hinterfragt, weshalb ich einen Artikel erst wegklicken und nicht lesen wollte. Und kam dahinter, dass er einfach nicht konform zu meinen sonstigen Ansichten lief. Anschließend habe ich ihn dann viel bewusster gelesen. Alleine für diesen Ratschlag hat sich die Lektüre des Buches gelohnt.

Was ich sonst so gelesen habe, findet ihr in der Rubrik Tsundoku.

 

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Die seltsame Ottilie

Achtung, hier kommt eine wichtige Mitteilung: Ich bin eine Frau. Und ich werde auch gerne als eine solche wahrgenommen. Noch wichtiger aber ist es mir, als ebenso wichtig (oder meinetwegen auch unwichtig) angesehen zu werden wie ein Mann. Stichwort Gleichberechtigung. Man kann es mit der Gleichberechtigung aber auch übertreiben.

Beispielsweise geht es mir ziemlich auf die Nerven, wenn auf Krampf politisch korrekt überall von Mitglieder/-innen (oder noch schlimmer: MitgliederInnen) geschrieben wird. Denn meistens bleibt es ja nicht bei einem dieser Konstrukte innerhalb eines Textes. Um ja niemandem auf den Schlips oder das Halstuch zu treten, ist dann ja meist auch die Rede von Kassenwart/Kassenwartin oder Sekretär/Sekretärin. Dadurch lassen sich die Texte wahnsinnig mühsam lesen. Und diese ganze politische Korrektheit ist meiner Meinung auch völlig unnötig. Ich persönlich fühle mich auch angesprochen, wenn auf der Einladung meines Sportvereins nur von den Mitgliedern die Rede ist.

Doch hat sich ein Veranstalter, Autor oder eine Organisation aber einmal dafür entschieden, nur eine Geschlechtsbezeichnung zu benutzen, von der sich dann aber Männer, Frauen und Transgender angesprochen fühlen sollen, dann ist noch längst nicht alles gut. Und ich meine an dieser Stelle nicht die Leipziger Uni, die in offiziellen Schriftstücken angeblich nur noch die weibliche Bezeichnung nutzen wollte.

Vor einiger Zeit stieß ich in einem Artikel in der taz auf eine ominöse „Ottilie Normalbürger“. Im ersten Moment stutzte ich, was diese Dame plötzlich zu bedeuten hat, war sie doch vorher noch gar nicht im Text vorgekommen. Kurz darauf dämmerte es mir: Ottilie Normalbürger ist die kleine Schwester von Otto Normalbürger.

Ich vermute einmal ganz stark, dass meine Verwirrung nicht von der taz beabsichtigt war, sondern die Redaktion nur eine besonders kreative Form der politischen Korrektheit nutzen wollte. In meinem Fall aber ging die ganze Sache nach hinten los. Denn nicht nur, dass ich mich gar nicht mehr richtig auf den Artikel konzentrieren konnte. Ich fand die Ottilie auch so albern, dass ich nicht mehr in der Lage war, den Rest des Textes (es ging, glaub ich, um eine alternative Papierherstellung aus Steinen) noch mit dem ihn zustehenden Ernst zu lesen.

Deshalb an dieser Stelle eine Bitte: Wer möchte, dass Männer und Frauen gleichberechtigt sind, der sollte an den gesellschaftlichen Gegebenheiten etwas ändern – ich sag nur gleiche Bezahlung von Männern und Frauen, Vereinbarkeit von Beruf und Familie etc. Seltsame, krampfartige Wortschöpfungen sind an dieser Stelle allerdings wenig hilfreich.