Die seltsame Ottilie

Achtung, hier kommt eine wichtige Mitteilung: Ich bin eine Frau. Und ich werde auch gerne als eine solche wahrgenommen. Noch wichtiger aber ist es mir, als ebenso wichtig (oder meinetwegen auch unwichtig) angesehen zu werden wie ein Mann. Stichwort Gleichberechtigung. Man kann es mit der Gleichberechtigung aber auch übertreiben.

Beispielsweise geht es mir ziemlich auf die Nerven, wenn auf Krampf politisch korrekt überall von Mitglieder/-innen (oder noch schlimmer: MitgliederInnen) geschrieben wird. Denn meistens bleibt es ja nicht bei einem dieser Konstrukte innerhalb eines Textes. Um ja niemandem auf den Schlips oder das Halstuch zu treten, ist dann ja meist auch die Rede von Kassenwart/Kassenwartin oder Sekretär/Sekretärin. Dadurch lassen sich die Texte wahnsinnig mühsam lesen. Und diese ganze politische Korrektheit ist meiner Meinung auch völlig unnötig. Ich persönlich fühle mich auch angesprochen, wenn auf der Einladung meines Sportvereins nur von den Mitgliedern die Rede ist.

Doch hat sich ein Veranstalter, Autor oder eine Organisation aber einmal dafür entschieden, nur eine Geschlechtsbezeichnung zu benutzen, von der sich dann aber Männer, Frauen und Transgender angesprochen fühlen sollen, dann ist noch längst nicht alles gut. Und ich meine an dieser Stelle nicht die Leipziger Uni, die in offiziellen Schriftstücken angeblich nur noch die weibliche Bezeichnung nutzen wollte.

Vor einiger Zeit stieß ich in einem Artikel in der taz auf eine ominöse „Ottilie Normalbürger“. Im ersten Moment stutzte ich, was diese Dame plötzlich zu bedeuten hat, war sie doch vorher noch gar nicht im Text vorgekommen. Kurz darauf dämmerte es mir: Ottilie Normalbürger ist die kleine Schwester von Otto Normalbürger.

Ich vermute einmal ganz stark, dass meine Verwirrung nicht von der taz beabsichtigt war, sondern die Redaktion nur eine besonders kreative Form der politischen Korrektheit nutzen wollte. In meinem Fall aber ging die ganze Sache nach hinten los. Denn nicht nur, dass ich mich gar nicht mehr richtig auf den Artikel konzentrieren konnte. Ich fand die Ottilie auch so albern, dass ich nicht mehr in der Lage war, den Rest des Textes (es ging, glaub ich, um eine alternative Papierherstellung aus Steinen) noch mit dem ihn zustehenden Ernst zu lesen.

Deshalb an dieser Stelle eine Bitte: Wer möchte, dass Männer und Frauen gleichberechtigt sind, der sollte an den gesellschaftlichen Gegebenheiten etwas ändern – ich sag nur gleiche Bezahlung von Männern und Frauen, Vereinbarkeit von Beruf und Familie etc. Seltsame, krampfartige Wortschöpfungen sind an dieser Stelle allerdings wenig hilfreich.

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2 Kommentare zu “Die seltsame Ottilie

  1. Gooott, Du sprichst mir so aus der Seele! Habe ich mich doch jahrelang wie ein Alien gefühlt, weil ich es wage, das ebenso albern zu finden, wie Du hier beschreibst. Ich bin ein Mensch (ja, eine Frau, und?) und fühle mich ebenfalls angesprochen, wenn von Mitgliedern die Rede ist. Das umfasst für mich alle Menschen. Ich kriege immer einen Hals, wenn ich Texte aufgrund des unsäglichen -Innen nicht flüssig lesen kann! Es STÖRT einfach so sehr! Also ehrlich, welche Frau damit ernsthaft ein Problem hat, dass irgendwo kein -Innen dranhängt, die hat doch irgendwie ein viel höheres Problem, nämlich eins mit dem Ego.
    Zu Ottilie sage ich jetzt mal nur: Das ist ja noch alberner als Salzstreuerin.. Und nur noch die weibliche Version zu verwenden ist ja dann wohl diskriminierend den Männern gegenüber. Aber daran denkt dann irgendwie niemand.
    Also, danke für diesen Text, ich fühle mich auf einmal sehr verstanden. 😀

    Viele Grüsse aus Hamburg,
    Deichkind

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