Der Rassist in mir

Vergangenen Sonnabend traf ich auf dem Parkplatz des Supermarktes auf das personifizierte Klischee. Direkt neben uns parkte ein silberner Mercedes-Geländewagen. Der Fahrer trug Jeans, Hemd und über die Schultern gelegt einen rosa Pulli. Und zu guter Letzt war auf der Seite des Geländeagens noch die Werbung für ein Gestüt angebracht. Das ganze Wochenende über musste ich beim Gedanken an diesen Mann schmunzeln, freute mich darüber, dass meine Vorurteile so grandios bestätigt wurden und grübelte, ob der Mann wohl eher BWL oder Jura studiert hatte.
Plötzlich aber musste ich an eine Doku denken, die ich vor einigen Wochen auf ZDFneo gesehen hatte. In „Der Rassist in uns“ ging es darum, wie schnell Menschen sich von Vorurteilen verleiten lassen. In dem Experiment wurde den Teilnehmern mit braunen Augen eingeredet, sie seien sehr viel mehr wert als die Blauäugigen, die dumm und renitent seien. Kommentiert wurde das Verhalten der Teilnehmer aus dem Nebenraum von der Sozialpsychologin Prof. Dr. Juliane Degner und dem Sozialpädagogen Prof. Dr. Mark Schrödter.
Nun ist Schrödter selbst dunkelhäutig und mein erster Gedanke, als er vorgestellt wurde, war: „Lustig, der Name passt gar nicht zu ihm.“ Es dauerte eine Weile, bis mir der Alltagsrassismus in diesem Gedanken klar wurde. Warum soll ein Dunkelhäutiger nicht Mark oder Schrödter heißen? Welcher Name hätte denn meiner Meinung nach besser zu ihm gepasst? Jeder, Hauptsache nicht so typisch deutsch?
Jeder von uns hat von sich selbst das Bild eines unheimlich toleranten Menschen, der bei beobachteten Ungerechtigkeiten oder Diskriminierungen natürlich sofort eingreifen würde. Der selbstverständlich in seinem Freundes- und Bekanntenkreis Homosexuelle, Menschen mit Migrationshintergrund und Leute mit psychischem oder physischem Handikap hat. Und der so verdammt politisch korrekt ist, dass er nie „Schwarzer“, „Ausländer“ oder „Behinderter“ sagen würde, um auf keinen Fall jemanden zu verletzen.
Nur leider stimmt dieses Wunschbild nicht. Denn auch wenn wir keinen Blödsinn wie „Ausländer nehmen den Deutschen die Arbeitsplätze weg“ von uns geben, so stecken doch in jedem von uns tief verwurzelte Vorurteile. Nicht unbedingt gegen Ausländer. Aber vielleicht gegen Mercedesfahrer mit einer Vorliebe für rosa Pullis. Aber sich dessen klar zu werden ist vielleicht schon ein erster Schritt hin zu einem wirklich toleranten Menschen.

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Ein Kommentar zu “Der Rassist in mir

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