Nur ein kleiner Rat

Wenn ich mit meinem drei Monate altem Sohn im Kinderwagen unterwegs bin und auf ältere Damen treffe, dann passieren mit schöner Regelmäßigkeit zwei Dinge. Erst werfen besagte Damen einen Blick in den Wagen und bescheinigen mir, was für ein niedliches Kind mein Sohn doch sei. Anschließend bekomme ich gute Ratschläge. Ungefragt, selbstverständlich.

So wie heute, als eine fremde Frau meinem bis an die Nasenspitze eingepackten Kind die Händchen tätschelte, feststellte, dass diese ja ziemlich kalt seinen und besorgt fragte, ob ich denn auch Handschuhe dabei habe. Auf meine Aussage, dass kalte Hände bei einem Baby nicht so sehr viel zu bedeuten haben, erntete ich nur einen ungläubigen Blick. Oder jene mir unbekannte Begleiterin, mit der ich jüngst ein paar Meter durch den Wald stapfte. Die üblichen Small-Talk-Themen mit Kindern ließ sie aus (Geschlecht, wie alt, schläft es schon durch?), um gleich zum Wesentlichen zu kommen: „Und, wollen Sie noch mehr Kinder?“ Das ist ehrlich gesagt nicht unbedingt ein Thema, dass ich mit wildfremden Leuten diskutieren möchte. Als ich mit einem Blick in den Kinderwagen kontrollierte, ob mein Sohn seinen Schnuller noch im Mund hatte, bekam ich folgenden Tipp von ihr: „Passen Sie bloß auf, sonst gewöhnt er sich daran und will später gar nicht mehr ohne Schnuller einschlafen!“ Und auch den Klassiker „Das Kind nicht andauernd auf den Arm nehmen, sonst verwöhnt man es zu sehr“ habe ich auch schon einige Male zu hören bekommen.

Ich frage mich, warum es in einer gewissen Altersklasse zum guten Ton zu gehören scheint, ungefragt Ratschläge zu geben. Denn fast immer sind es Frauen im Alter meiner Mutter oder älter, die mich mit ihrer Lebenserfahrung beglücken. Gleichaltrige Frauen halten sich zurück. Ist es vielleicht eine Art missverstandener Generationenvertrag? So unter dem Motto: „Wir hatten früher eine Großfamilie, die uns in allen Lebenslagen beraten hat und die jungen Dinger von heute sind ja ganz allein.“ Oder brauchen diese Frauen das Gefühl, noch gebraucht zu werden?

Das Problem an der Sache – oder besser: die Probleme – : Ich weiß sehr wohl, wen ich um Hilfe bitten kann, sollte ich mal nicht weiter wissen. Und außerdem habe ich mitten auf der Straße von wildfremden Frauen noch nicht einen einzigen Tipp bekommen, der mir wirklich geholfen hätte. Deshalb hier mein Rat an alle beratungswilligen Frauen da draußen: „Lasst mich mit euren Ratschlägen in Ruhe!“

Advertisements

Sag niemals nie

„Sag niemals nie“ – dieser Spruch ist so abgedroschen, dass ich ihn nur als Titel eines James-Bond-Filmes akzeptieren kann. Und trotzdem trifft er gerade genau auf mein Leben zu. Der Grund dafür ist gestern sechs Wochen alt geworden, 50 Zentimeter groß und gnüddelt neben mir auf dem Sofa rum.

Seit der Geburt meines Sohnes mache ich Dinge, von denen ich nie, nie, nie gedacht hätte, dass ich sie tun würde. Eher hätte ich geglaubt, dass ich in einem goldenen Bikini an einem DSDS-Casting teilnehmen und „I will always love you“ singen würde. Wobei ich gestehen muss, dass es sogar schon in der Schwangerschaft anfing. Da ertappte ich mich eines Tages im Drogeriemarkt, wie ich geschlagene 20 Minuten darüber grübelte, welche Art Schnullerband denn die beste für meinen Lütten ist. Silikon? Stoff? Holz? Wenn Holz: unbehandelt oder bunt lackiert? Silikon ist zwar hässlich, kann aber hygienisch in der Spülmaschine gewaschen werden. Stoff ist hübsch, aber wird im angesabberten Zustand schnell siffig. Und was ist, wenn mein kleiner Liebling die bunte Farbe vom Holzband knabbert? Nicht auszudenken. (Davon abgesehen, dass wir bis jetzt noch gar kein Schnullerband gebraucht haben, habe ich mich für eines aus durchsichtigem Silikon entschieden. Nicht schön, aber praktisch. Mütter werden mich verstehen)

Vor ein paar Wochen dann ertappte ich mich bei dem Gedanken, dass ich ganz unbedingt Desinfektionstücher für unterwegs brauche. Als mir diese Erkenntnis durch den Kopf schoss, stand ich grade bei dm an der Wickelstation und verpasste dem Sohnemann eine neue Büx. Eine Wickelstation übrigens, die sauber, ordentlich und mit großen Unterlegtüchern ausgestattet war. Und obwohl es erstens eher unwahrscheinlich ist, dass ich meinen Sohn (immerhin mein Erstgeborener!!!) an einem Ort nackig machen würde, der auch nur annähernd so dreckig wäre, dass ich ein Desinfektionstuch brauchen würde, trage ich in meiner an eine Reisetasche erinnernden Wickeltasche nicht nur eine Unterlage, eine Decke sowie mehrere Tücher dabei. Trotzdem, inzwischen habe ich natürlich eine Packung sterile Tücher dabei.

Den Mütter-Klassiker habe ich selbstverständlich auch schon im Programm: Das Kind hochheben und an der Hose schnüffeln um zu sehen, ob eine neue Büx gebraucht wird. Und einen Popel habe ich meinem Sohn auch schon aus der Nase gepult. Das Schlimme dabei: Ich fand es nicht einmal widerlich. Hilfe!!!

Ich bin gespannt, was für abstruse Ideen mir noch kommen. Ideen, die mir inzwischen vollkommen natürlich vorkommen werden. Wie Mütter halt so sind.

Ach, und bevor ich es vergesse: Das hier wird jetzt kein weiterer Mami-Blog werden. Obwohl man ja niemals nie sagen soll…

Der Rassist in mir

Vergangenen Sonnabend traf ich auf dem Parkplatz des Supermarktes auf das personifizierte Klischee. Direkt neben uns parkte ein silberner Mercedes-Geländewagen. Der Fahrer trug Jeans, Hemd und über die Schultern gelegt einen rosa Pulli. Und zu guter Letzt war auf der Seite des Geländeagens noch die Werbung für ein Gestüt angebracht. Das ganze Wochenende über musste ich beim Gedanken an diesen Mann schmunzeln, freute mich darüber, dass meine Vorurteile so grandios bestätigt wurden und grübelte, ob der Mann wohl eher BWL oder Jura studiert hatte.
Plötzlich aber musste ich an eine Doku denken, die ich vor einigen Wochen auf ZDFneo gesehen hatte. In „Der Rassist in uns“ ging es darum, wie schnell Menschen sich von Vorurteilen verleiten lassen. In dem Experiment wurde den Teilnehmern mit braunen Augen eingeredet, sie seien sehr viel mehr wert als die Blauäugigen, die dumm und renitent seien. Kommentiert wurde das Verhalten der Teilnehmer aus dem Nebenraum von der Sozialpsychologin Prof. Dr. Juliane Degner und dem Sozialpädagogen Prof. Dr. Mark Schrödter.
Nun ist Schrödter selbst dunkelhäutig und mein erster Gedanke, als er vorgestellt wurde, war: „Lustig, der Name passt gar nicht zu ihm.“ Es dauerte eine Weile, bis mir der Alltagsrassismus in diesem Gedanken klar wurde. Warum soll ein Dunkelhäutiger nicht Mark oder Schrödter heißen? Welcher Name hätte denn meiner Meinung nach besser zu ihm gepasst? Jeder, Hauptsache nicht so typisch deutsch?
Jeder von uns hat von sich selbst das Bild eines unheimlich toleranten Menschen, der bei beobachteten Ungerechtigkeiten oder Diskriminierungen natürlich sofort eingreifen würde. Der selbstverständlich in seinem Freundes- und Bekanntenkreis Homosexuelle, Menschen mit Migrationshintergrund und Leute mit psychischem oder physischem Handikap hat. Und der so verdammt politisch korrekt ist, dass er nie „Schwarzer“, „Ausländer“ oder „Behinderter“ sagen würde, um auf keinen Fall jemanden zu verletzen.
Nur leider stimmt dieses Wunschbild nicht. Denn auch wenn wir keinen Blödsinn wie „Ausländer nehmen den Deutschen die Arbeitsplätze weg“ von uns geben, so stecken doch in jedem von uns tief verwurzelte Vorurteile. Nicht unbedingt gegen Ausländer. Aber vielleicht gegen Mercedesfahrer mit einer Vorliebe für rosa Pullis. Aber sich dessen klar zu werden ist vielleicht schon ein erster Schritt hin zu einem wirklich toleranten Menschen.

Dinge, von denen…

Immer öfter passiert es mir, dass ich beim surfen durchs Internet einen Ohrwurm habe. Nein, die Rede ist nicht von „Computerliebe“. Sondern von dem Ärzte-Song, der als Überschrift über diesem Blogpost steht: „Dinge, von denen.“
Was sich im ersten Moment – zumindest für einen Ärzte-Fan wie mich – sehr nett anhört, entpuppt sich als ziemliche Nerverei. Nicht wegen des Liedes, sondern wegen der Gründe für den Ohrwurm. Grundsätzlich kriecht der nämlich in meine Gehörgänge, wenn mal wieder Menschen Dinge im Internet posten, die sie besser für sich behalten hätten. „Dinge, von denen ich gar nichts wissen will“ eben.
Kürzlich fragte etwa eine Frau in einer veganen Facebookgruppe, ob außer ihr noch jemand nach der Ernährungsumstellung Probleme mit Blähungen gehabt habe. Ist das wirklich ein Thema, dass man mit der ganzen Welt teilen muss? Vielleicht bin ich verklemmt, aber über das Thema spreche ich höchstens mit meiner besten Freundin. Wenn überhaupt.
Ganze Blogeinträge widmen sich inzwischen den „Erdbeerwochen“ der Frauen und welche Art der Monatshygiene denn am angenehmsten ist. Wenn wir von der weiblichen Periode verschämt als Erdbeerwoche reden müssen, dann lassen wir es doch besser ganz, oder?
Bitte versteht mich nicht falsch, auch ich habe auf Twitter, Facebook oder hier im Blog gewiss schon private und persönliche Dinge gepostet. Wir leben einfach in einer Welt, in der das Internet einen immer größeren Teil des Privatlebens ausmacht. Aber es sollte gewisse Grenzen geben. Viele Intimitäten sollte man besser für sich behalten oder wenn, sie den Adressaten im so genannten „Real life“ persönlich erzählen. Und mit intim meine ich jetzt nicht nur Dinge, die Sex oder sonstige Körperfunktionen betreffen.
Andererseits, warum rege ich mich überhaupt noch auf? Immerhin hat selbst die Werbung keine Skrupel mehr, uns das Durchfallgesicht von Menschen zu zeigen. Auch so ein Ding, von dem ich nie etwas wissen wollte.

Love is all around

Liebe – ein so kleines Wort, das für doch so viel bedeutet und so viel verändern kann. Laut Wikipedia ist sie die stärkste Zuneigung oder Wertschätzung, die ein Mensch einem anderen entgegen bringen kann. Jemanden zu lieben macht gleichzeitig stark und sehr schwach. Und eben weil Liebe etwas so Besonderes ist, sollte man meiner Meinung nach sehr sorgfältig mit ihr umgehen. Mit der Liebe an sich ebenso wie mit dem Begriff.

Auch in der Werbung ist der besondere Wert der Liebe angekommen. Schon ziemlich lange in Bereichen wie Parfum, Schokolade oder, wenn Mütter vorkommen, eigentlich immer. Und genau hier ist das Problem.

Die Edeka-Werbung mit dem „Wir lieben Lebensmittel“-Spruch ist ja inzwischen ziemlich bekannt. Vor einigen Tagen aber sah ich spät abends den neuen Spot von UPS. Ihr wisst schon, das sind die, die uns die im Internet bestellten Schuhe und Bücher liefern und dabei fast nie zum angegebenen Zeitpunkt erscheinen. Ganz zum Schluss des Spots verkündete UPS: „Wir lieben Logistik“. Auch bei McDonalds lieben sie es und der Schuhhändler Deichmann betreibt sein Geschäft weil – an dieser Stelle darf gerne geraten werden – weil „wir Schuhe lieben“. Es ist eine schrecklich liebevolle Welt, in der wir leben.

Für meinen Geschmack inzwischen zu liebevoll. Warum bitte wollen die Firmen ihren Kunden auf Krampf davon überzeugen, dass sie ihre Produkte nicht deshalb verkaufen, weil sein nun einmal ihr Geld damit verdienen? Sondern weil sie Päckchen, Gurken oder Turnschuhe so sehr lieben, dass sie sie dem Rest der Welt nicht vorenthalten können. Weshalb reicht es nicht mehr, wenn die Schuhverkäuferin Freude daran hat, ihr Kundinnen zu beraten? Oder wenn der Paketfahrer einfach nur zufrieden ist, seine Tour pünktlich und ohne Unfälle beendet zu haben?

Ohne Liebe ist das Leben traurig. Ebenso traurig aber wäre es, wenn der Lebensmittelhändler, die Schuhverkäufer, der Burgerbrater und der Paketbote das einzig Liebenswerte ihres Lebens bei der Arbeit finden würden.

 

Was meine Fernsehzeitung über mich sagt

Man mag es mir zwar auf den ersten Blick nicht ansehen, aber ich bin kein Mensch. Zu diesem Ergebnis kam ich nach verschiedenen Tests in meiner Fernsehzeitung.

Die veröffentlicht in regelmäßigen Abständen so hübsche Fragebögen, mit denen die Leser mehr über sich selbst erfahren können. Dinge wie Meinungen zu etwas, gelesene Bücher oder Sachen, für die man sich einsetzt, wären natürlich zu langweilig. Die Wege zur Selbsterkenntnis führen bei meiner Fernsehzeitung über Tapetenfarben, Frisuren und Fernsehserien.

„Zeig mir wie du wohnst, und ich sag dir, wie du bist“ heißt es da beispielsweise beim Test „Welcher Tapeten-Typ sind Sie?“. Laut des Tests überlässt der Pragmatiker bei der Tapetengestaltung nichts dem Zufall und hat eine Vorliebe für klare Formen, beim Unbekümmerten müssen Farben und Muster nicht unbedingt zusammen passen, der Prestigebewusste hat seine Tapeten perfekt auf sein Leben abgestimmt und der Wild-Kreative steht auf ausgefallene Farbmixe und starke Muster. Eines allerdings fehlt – die bei mir in den meisten Räumen anzutreffende Raufasertapete. Hm.

Vielleicht erfahre ich ja beim nächsten Test mehr über mich. Immerhin verspricht der Untertitel: „Was Ihre Lieblingssendung über Sie verrät“. Zur Auswahl stehen die ARD-Nonnen aus „Um Himmels Willen“, die amerikanische Krimiserie „CSI Miami“, der Heimatkrimi „Hubert und Staller“, die „Lindenstraße“, „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ und die Sitcom „Two and a half Men“. Die einzige der Sendungen, die ich ab und zu einmal sehe, ist „CSI Miami“. Der Einschätzung des Zeitungseigenen Medienpsychologen kann ich mit der „Betroffenheitskultur deutscher Krimis“ nichts anfangen. Stimmt. Der „Tatort“ läuft bei mir sonntags auch immer nur, weil ich das Flimmern des Bildschirmes so beruhigend finde.

Bleibt noch der letzte Test, um endlich herauszufinden, wer ich bin: „Was die Frisur verrät.“ Untertitel: „Zeig mir deine Haare, und ich sag dir, wer du bist.“ Na, das klingt doch vielversprechend. Hätte ich eine Kurzhaarfrisur, dann wäre ich eine selbstbewusste und kompetente Frau. Könnte ich eine wallende Lockenpracht mein Eigen nennen, wäre ich ein lebendiger und optimistischer Mensch. Und bei langen und glatten Haaren würden Ordnung und Struktur mein Leben bestimmen. Allerdings habe ich weder kurze noch lockige noch lange Haare.

Und so bleibt mir nach der Auswertung der drei Tests nur ein Schluss: Ich bin kein Mensch. Was ich jedoch bin, das verrät mir ja vielleicht demnächst ein weiterer Test in meiner Fernsehzeitung.

Keine Wahl

Vor wenigen Tagen wäre ich beinahe daran gescheitert, Kartoffeln zu kaufen. Nicht, weil der Laden keine hatte. Im Gegenteil, er hatte eine so große Auswahl, dass ich meine Sorte kaum gefunden habe. Auf dem rund zwei Meter breiten Regal lagen fest- und mehligkochende Kartoffeln (beide Sorten natürlich auch in der Biovariante), welche aus der Region, von etwas weiter her oder von ganz weit weg. Ich hatte die Wahl zwischen Kartoffeln in Beuteln zu 1,5 Kilo, 2,5 Kilo oder sogar Familiensäcken mit fünf Kilo Inhalt oder hätte Kartoffeln mit rotem, grünem oder blauem Etikett nehmen können. Fast zehn Minuten dauerte es, bis ich meinen 1,5-Kilosack mit festkochenden Biokartoffeln endlich gefunden hatte. Denn ich war von der riesigen Auswahl schlicht erschlagen.

Anscheinend geht es nicht nur mir so. Kürzlich hat Meike Winnemuth in ihrer Stern-Kolumne darüber geschrieben, wie glücklich es machen kann, keine Wahl zu haben. Und die Frau hat recht. Natürlich ist es toll, sich unter 73 Joghurt-Variationen genau die aussuchen zu können, die perfekt zur heutigen Gemütslage passt. Auf der anderen Seite aber kann es auch befreiend sein, nur zwischen drei Sorten wählen zu können. Erstens, weil der Einkauf so viel schneller geht. Und zweitens, weil man so nicht andauernd an der einmal getroffenen Entscheidung zweifelt. Der Himbeer-Maraquja-Joghurt sieht zwar sehr lecker aus. Aber hätte ich nicht vielleicht doch den in der Richtung Cranberry-Alge nehmen sollen?

Im Falle von Meike Winnemuth wurden ihr die fehlenden Wahlmöglichkeiten von außen vorgegeben (Das einzig geöffnete Restaurant an ihrem Urlaubsort hatte eben nur noch Kartoffelsuppe im Angebot). Ich habe mir in den vergangenen Monaten selbst viele Möglichkeiten genommen. Teils bewusst, teils unbewusst. Und es fühlt sich großartig an.

So ist die Hinwendung zum Minimalismus ja eigentlich auch eine Art des selbst gewählten Einschränkung. Wer, so wie wir, nur noch eine Sorte Sektgläser im Schrank hat oder die vielen unterschiedlichen Pastateller aussortiert hat, der muss halt nehmen, was da ist. Eine Entscheidung ist da weder möglich noch nötig.

Und auch meine vegane Ernährungsweise empfinde ich inzwischen als eine Einschränkung im positiven Sinne. In Restaurants grübele ich nicht mehr ewig, was ich denn essen möchte. Schlicht, weil ich mich nur noch zwischen zwei oder drei Gerichten entscheiden muss. Satt bin ich trotzdem immer geworden. Auch die Wahl eines Joghurts ist inzwischen schnell getroffen, denn zum Glück gibt es noch nicht so viele Sorten Sojajoghurt. Und Kirschjoghurt passt zu jeder Gemütslage.

 

Der Möchtegern-Philosoph

Ein Jahr lang hatte ich den „Stern“ abonniert. Im Großen und Ganzen gefällt mir diese Zeitschrift wirklich gut: schöne Kolumnen, tolle Fotos und teilweise sehr interessante Reportagen. Eine Sache aber hat mich anfangs nur genervt, inzwischen aber ärgert sie mich ziemlich (besser gesagt „hat mich geärgert“, denn mein Abo ist seit zwei Wochen vorbei). Die Rede ist von der Kolumne von Rolf Dobelli.

Seit Oktober stellt der Autor (den ich erst einmal googlen musste da ich noch nie von ihm gehört hatte) in seiner Serie „Das Leben ist voller Fragen“ Fragen, die laut Untertitel „Gelegenheit zur anregenden Selbsterforschung“ geben sollen. Die Idee dahinter finde ich klasse. Ich mag es, wenn ich von außen einen Denkanstoß bekomme, jemand Fragen aufwirft, die ich mir so noch nie gestellt habe oder wenn mich intelligente Fragen dazu bringen, meinen eigenen Standpunkt zu hinterfragen. Aber genau an dieser Stelle liegt bei Dobelli das Problem: Seine Fragen sind zu intelligent. Mehr noch, sie sind so extrem pseudo-philosophisch, dass sie total am realen Leben vorbei gehen. Ein paar Beispiele gefällig? Gerne:

  • „Welchen Gedanken würden Sie niemals denken?“ (20. Februar 2014)

  • „Nach welchen Werten suchen Sie ihre Werte aus?“ (23. Januar 2014)

  • „Wie hätte Rousseau reagiert, wenn ihm in den Wäldern um den Genfer See ein Mountainbiker entgegen gekommen wäre? Bitte erfinden Sie einen kurzen Dialog.“ (13. Februar 2014)

  • „Wann haben Sie aufgehört, verständlich sein zu wollen, oder sind Sie noch nicht so frei?“ (27. Februar 2014)

  • „Was denkt der Altphilologe, wenn er auf der E65 zwischen Athen und Sparta im Stau steht?“ (11. März 2014)

Anfangs war ich nur ein wenig irritiert. Dann aber stellte ich fest, dass jede Dobelli-Kolumne aus so unverständlichem Zeug besteht. Ich habe den Eindruck, dem Herrn geht es weniger darum, anderen Menschen Denkanstöße zu geben. Ich habe kein Problem damit, auf einer Frage ein wenig länger herum zu kauen. Und wenn sich ein Satz oder eine Anregung still und heimlich in meinem Hirn festsetzt und sich in unerwarteten Momenten wieder meldet, dann bin ich regelrecht begeistert. Doch auch wenn er angeblich genau das erreichen will, habe ich den Verdacht, dass es Rolf Dobelli in erster Linie darum geht, seinen eigenen Intellekt zu präsentieren. Schön, wenn man dafür vom Stern auch noch Geld bekommt. Als Leser aber kam ich mir ein wenig verarscht vor.

 

 

Weniger ist mehr

Ganz leise kann ich meine Bekannten, die mich längere Zeit nicht gesehen haben, kichern hören. Denn das Thema, über das ich jetzt schreibe, scheint im ersten Augenblick so gar nicht zu mir zu passen. Das stimmt auch, jedenfalls bis noch vor ungefähr eineinhalb Jahren. Wovon ich spreche? Vom Minimalismus.

Bis vor wenigen Jahren war mein Lebensmotto „Kitsch as Kitsch can“. Je bunter und gruseliger eine Sache war, desto besser fand ich sie. Meine Wohnung wurde bevölkert von rosa Häkelschweinen, Weihnachtsmannkulis mit Wackelkopf, blinkenden Madonnenfiguren, Schneekugel-Fotorahmen mit rosa Plüsch drumrum und Salz- und Pfefferstreuern in Froschkönigform (die Liste lässt sich beliebig fortsetzen). Auch meine Freunde und Familie habe ich mit solchen Dingen beglückt. Meine Schwester nannte sie die „Kitsch-Geschenke“ und hat mir jedes Mal zum Geburtstag und zu Weihnachten auch solche Dinge geschenkt. Ihre Geschenke aber waren ironisch gemeint, meine nicht.

Doch das war früher. Vor drei Jahren sind wir umgezogen und bei dieser Gelegenheit haben wir gleich einmal ausgemistet. So tauchten beispielsweise unausgepakte Kartons vom Umzug acht Jahre zuvor auf. An das meiste Zeug konnte ich mich nicht einmal mehr erinnern. Am Ende hatten wir rund zehn blaue Säcke entsorgt und waren um eine Erfahrung reicher. Nämlich, dass es sich verdammt gut anfühlt.

Aber wie es im Leben so ist fällt man schnell wieder in alte Gewohnheiten zurück. In kürzester Zeit waren alle Schränke wieder voll mit Schüsselchen und Teelichthaltern und verschiedenstem Dekozeug für die unterschiedlichen Jahreszeiten.

Zu etwa dieser Zeit begann meine beste Freundin sich für das Thema „Minimalismus“ zu interessieren. Etwas, dass ich mir für mich absolut nicht vorstellen konnte. Freiwillig auf Dinge verzichten? Wozu sollte das gut sein? Drückte mein kreatives Chaos nicht meine Persönlichkeit aus? Und was sollte denn dann aus meiner geliebten Kitsch-Sammlung werden? Aber nach und nach setzte sich der Gedanke, dass weniger vielleicht doch mehr sein könnte, auch in meinem Hirn fest. Und nagte und nagte und hatte sich irgendwann richtig breit gemacht.

So breit, dass ich vor zwei Monaten meine vier großen Kisten mit potentiellen Flohmarktartikeln einem Sozialkaufhaus spendete. Es fühlte sich großartig an. Nicht nur, weil in der Abstellkammer nun Platz für anderen Kram war, der in der Wohnung verteilt war. Großartig auch, weil sich unsere Wohnung auf einmal so luftig anfühlt.  Unsere schönen alten Möbel rücken nur für sich selbst stehend und ohne diverse Bilderrahmen drauf auf einmal viel mehr ins Blickfeld. Und nicht zu vergessen ist das befriedigende Gefühl, eine Entscheidung getroffen zu haben, die man nicht bereut. Denn bisher habe ich noch nicht einen der aussortierten Gegenstände vermisst.

Achtung, jetzt krame ich meine rudimentären Kenntnisse in Küchenpsychologie heraus: Bei meinen Aufräumaktionen habe ich erkannt, dass ich viele Dinge nicht behielt, weil ich sie brauchte oder mochte. Sondern weil sie ein Geschenk waren und ich den Schenker nicht verletzen wollte. Doch das ist Quatsch. Irgendwo habe ich kürzlich gelesen, dass der Schenkende mit seiner Gabe eine Freude bereiten will. Dieses Ziel hat er in dem Moment, in dem er sein Geschenk übergibt, erreicht. Trenne ich mich von dem Geschenk, dann lehne ich ja nicht automatisch den Schenkenden ab. Seit mir das klar wurde, habe ich überhaupt kein Problem damit, die Herzchentasse von meiner Freundin, die Teelichthalter von meiner Tante oder die Stoffgirlande von meiner Schwester auszusortieren.

Und sollten meine Freundin, meine Schwester oder meine Tante das hier jetzt lesen: Ich habe euch sehr, sehr lieb. Auch ohne Nippes im Wohnzimmer, der mich an euch erinnert.

50 Facts about me

50 facts

Wer es nicht erkennt: Ich habe versucht aus Krimskrams ein Symbolfoto zu basteln. Es soll eine 50 darstellen.

Wie bereits angekündigt habe ich die „Über mich“-Seite um 50 (hoffentlich) interessante Fakten über mich ergänzt. Zwischendurch hatte ich überlegt, die Anzahl vielleicht doch auf nur 20 Informationen zu reduzieren, denn nach ein paar Tagen wollte mir partout nichts Wissenswertes mehr über mich einfallen. Aber wie es ja meistens im Leben ist, genau zu dem Zeitpunkt, als ich mir nicht mehr das Hirn zermarterte, da sprudelten die Ideen. Wer also mehr über mich wissen möchte, der braucht nur hier  hin zu wechseln.