Der Mann in rosa

Im vergangenen Jahr schrieb ich in „Der Rassist in mir“ darüber, dass ich mich künftig nicht mehr so sehr von Vorurteilen leiten lassen will. Leider muss ich an dieser Stelle erklären, dass meine Bemühungen gescheitert sind. Jedenfalls wenn sie Männer mit rosa Oberteilen betreffen.

Denn heute Vormittag hatte ich an der Tankstelle eine unliebsame Begegnung mit einem solchen Exemplar. Der Herr – graue Haare, rosa Pulli, schwarzer Smart – stand vor mir an der Kasse und wollte mit EC-Karte zahlen. Leider hatte er auf der Karte nicht unterschrieben, so dass die Kassiererin ihn nach einem anderen Dokument bat, auf dem sie seine Unterschrift überprüfen konnte. Das allerdings nahm der gute Mann sehr persönlich. Was sie denn glaube, wen sie vor sich habe? Demonstrativ bot er ihr erst die Treuekarte eines Bäckers und dann eines Erdbeerstandes an. Auch ihren Einwand, dass sie dazu verpflichtet sei, wollte der rosa Rächer nicht gelten lassen. Erstens müsse er so nicht mit sich reden lassen, das sei ja eine Unverschämtheit. Und außerdem habe er genug Zeit, um die Sache auszusitzen.

Unverschämt war allerdings nur sein Verhalten. Und zunehmend wurde es auch albern. In seiner Wut nannte er sprach er den Namen der Kassiererin Frau Haas (so nenne ich sie einfach mal) falsch aus und nannte sie „Frau Hase“. Ihre Korrektur wischte er weg und nannte sie ab da demonstrativ „Frau Hase“.

An dieser Stelle konnte ich nicht mehr und mischte mich ein. Er sollte die ganze Sache doch einfach positiv sehen und sich vorstellen, was wäre, wenn seine EC-Karte gestohlen worden wäre. Da würde er doch auch wollen, dass jemand die Rechtmäßigkeit des Nutzers überprüfe. Oh, da hatte ich ihn aber auf dem falschen Fuß erwischt. Die Kassiererin solle sich doch ihre Kunden einfach ansehen, dann würde sie schön erkennen, dass er keiner dieser Öztürks sei, die EC-Karten klauten. Aber es sei ja kein Wunder, dass wir Frauen zusammenhielten.

Irgendwann wurde es der Kassiererin zu dumm, sie schrieb sich das Autokennzeichen des Herren in rosa auf und ließ ihn in sein Auto steigen. Hatte ich schon erwähnt, dass Mister Wichtig in einem putzigen kleinen Smart abfuhr?

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Der Rassist in mir

Vergangenen Sonnabend traf ich auf dem Parkplatz des Supermarktes auf das personifizierte Klischee. Direkt neben uns parkte ein silberner Mercedes-Geländewagen. Der Fahrer trug Jeans, Hemd und über die Schultern gelegt einen rosa Pulli. Und zu guter Letzt war auf der Seite des Geländeagens noch die Werbung für ein Gestüt angebracht. Das ganze Wochenende über musste ich beim Gedanken an diesen Mann schmunzeln, freute mich darüber, dass meine Vorurteile so grandios bestätigt wurden und grübelte, ob der Mann wohl eher BWL oder Jura studiert hatte.
Plötzlich aber musste ich an eine Doku denken, die ich vor einigen Wochen auf ZDFneo gesehen hatte. In „Der Rassist in uns“ ging es darum, wie schnell Menschen sich von Vorurteilen verleiten lassen. In dem Experiment wurde den Teilnehmern mit braunen Augen eingeredet, sie seien sehr viel mehr wert als die Blauäugigen, die dumm und renitent seien. Kommentiert wurde das Verhalten der Teilnehmer aus dem Nebenraum von der Sozialpsychologin Prof. Dr. Juliane Degner und dem Sozialpädagogen Prof. Dr. Mark Schrödter.
Nun ist Schrödter selbst dunkelhäutig und mein erster Gedanke, als er vorgestellt wurde, war: „Lustig, der Name passt gar nicht zu ihm.“ Es dauerte eine Weile, bis mir der Alltagsrassismus in diesem Gedanken klar wurde. Warum soll ein Dunkelhäutiger nicht Mark oder Schrödter heißen? Welcher Name hätte denn meiner Meinung nach besser zu ihm gepasst? Jeder, Hauptsache nicht so typisch deutsch?
Jeder von uns hat von sich selbst das Bild eines unheimlich toleranten Menschen, der bei beobachteten Ungerechtigkeiten oder Diskriminierungen natürlich sofort eingreifen würde. Der selbstverständlich in seinem Freundes- und Bekanntenkreis Homosexuelle, Menschen mit Migrationshintergrund und Leute mit psychischem oder physischem Handikap hat. Und der so verdammt politisch korrekt ist, dass er nie „Schwarzer“, „Ausländer“ oder „Behinderter“ sagen würde, um auf keinen Fall jemanden zu verletzen.
Nur leider stimmt dieses Wunschbild nicht. Denn auch wenn wir keinen Blödsinn wie „Ausländer nehmen den Deutschen die Arbeitsplätze weg“ von uns geben, so stecken doch in jedem von uns tief verwurzelte Vorurteile. Nicht unbedingt gegen Ausländer. Aber vielleicht gegen Mercedesfahrer mit einer Vorliebe für rosa Pullis. Aber sich dessen klar zu werden ist vielleicht schon ein erster Schritt hin zu einem wirklich toleranten Menschen.