Tsundoku

Bücherstapel

In meinem Arbeitszimmer habe ich ein Regal, in dem in doppelter Reihe all die Bücher liegen, die ich unbedingt noch lesen will. Bei den Japanern haben diese ungelesenen Bücher einen eigenen Namen: Tsundoku.

Immer, wenn ich ein Buch durchgelesen habe, werde ich es hier nennen und ein paar Worte dazu sagen. Vielleicht sind meine Tsundokus ja eine Anregung für andere Leseratten. (Aber diese Bücher dann bitte auch lesen und nicht nur im Regal stehen lassen.)

Karin Slaughter: Harter Schnitt (Mai 2015)

Inzwischen kommt ja kein Krimi mehr ohne sozial gehandicapten Ermittler aus. So auch Karin Slaughters Reihe um den Agenten Will Trent. Und so überzogen er und seine Probleme auch dargestellt sein mögen – ich mag den Kerl. Genau wie auch die Bücher über ihn. Da kann ich sogar darüber hinweg sehen, dass er sich mit der perfekt-nervigen Sara Linton einlässt. Ach ja, der Fall: Der ist natürlich ähnlich irreal wie alle Krimihandlungen, aber liest sich trotzdem sehr gut. Ein Buch, perfekt gemacht für die leichte Krimi-Unterhaltung zwischendurch.

 Dave Eggert: Der Circle (Mai 2015)

Am Anfang erscheint die Arbeit beim Circle wie ein Traumjob – nicht nur für Mae, sondern auch für den Leser. Jeden Tag Partys, firmeninterne Wohnheime, die neuesten Handys und Tablets. Doch schleichend muss Mae dafür immer mehr mit ihrer Privatsphäre zahlen. Der erste Teil des Buches hat mir wirklich gut gefallen, denn all das, was geschildert wird, kann ich mir als künftige Realität vorstellen. Der zweite Teil aber ist zu überladen. Eine Welt, in der innerhalb weniger Wochen tausende Politiker freiwillig den ganzen Tag mit einer Kamera um den Hals herumlaufen ist dann doch zu abwegig. Alles in allem aber ein Buch, das nachdenklich macht. Besonders den Ansatz „Du bist egoistisch, wenn du nicht dein ganzes Leben mit anderen teilst und sie so aus deinem Leben ausschließt“ fand ich interessant, kehrt er doch die gängige Meinung komplett um

Gillian Flynn: Gone Girl (April 2015)

Ich habe lange keinen so grandiosen Krimi mehr gelesen. Endlich einmal geht es nicht nur einfach darum, einen möglichst grausamen Mord von einem psychisch kaputten Ermittler aufklären zu lassen. Und anders als bei so vielen anderen Thrillern weiß man nicht schon zur Mitte des Buches, wer der Mörder ist. Im Gegenteil, zur Mitte ändert sich noch einmal alles. Ich bin wirklich begeistert!

Herfried Münkler: Der große Krieg. Die Welt 1914-1918 (Februar 2015)

Ich hatte es ja nicht anders gewollt: Ein 800 Seiten starkes Buch zum Ersten Weltkrieg. Und so wundert es mich auch nicht, dass ich viele, viele Monate dafür brauchte. Aber es hat sich gelohnt. Zwar kann ich noch immer nicht alle Schlachten einzeln aufzählen. Aber das ist auch gar nicht das Ziel des Autoren. Er will die großen Zusammenhänge darstellen. Das hat er bei mir zweifelsohne geschafft. So ist mir jetzt beispielsweise klar geworden, weshalb der Erste Weltkrieg tatsächlich ein Weltkrieg war.

Dan Brown: Inferno (Juli 2014)

Manchmal muss es einfach mal leichte Kost sein. Und im Falle von Dan Browns „Inferno“ ist diese Kost zwar leicht verdaulich, gleichzeitig aber auch gehaltvoll. Natürlich – wie immer bei Brown – sehr abstrus, aber klasse geschrieben, spannend und interessant. Anders als „Das verlorene Symbol“, bei dem ich mich damals ziemlich geärgert habe, es mir als Hardcover gekauft zu haben. Und auf jeden Fall hat Dan Brown erreicht, dass ich endlich einmal Dantes „Göttliche Komödie“ zu Ende lesen will.

Sasa Stanisic: Vor dem Fest (Juli 2014)

Leider kann ich mir den Namen des Autoren nicht merken. Was wirklich schade ist, denn er ist es Wert, dass ich mehr von ihm lese. Nicht ohne Grund hat er für „Vor dem Fest“ diverse Preise gewonnen. Im Grunde genommen geht es in seinem Roman nur um 24 Stunden, nämlich die 24 Stunden vor dem großen Annenfest in Fürstenfelde, irgendwo in der Uckermark. Hört sich nicht wirklich spannend an, ist es auch nicht. Aber wunderschön. Denn Stanisic beschreibt nicht nur die – zugegeben recht skurrilen – Bewohner des Dorfes, sondern auch die Erlebnisse und Gedanken einer junge Füchsin und alte Geschichten aus dem Dorf. Und das alles in einer eigenwilligen, eigenartigen, besonderen und lakonischen Art und Weise. Kleines Beispiel? Gerne: „Der Boden ist sumpfig und die Stege morsch und unglücklich, das Gebüsch hat sich ausgebreitet, brusthoch steht es dem Pfad im Weg.“ Stanisic ist einer der wenigen Autoren, denen ich auch einen unglücklichen Steg abkaufe.

Arne Dahl: Neid (Juni 2014)

Es scheint, als wenn Arne Dahl für seine Krimis nur ein Schema kennt, das er immer wieder verwendet: Zwei sehr unterschiedliche Fälle, die dann doch irgendwie in Verbindung stehen. Im zweiten Band der Reihe, „Zorn“, fand ich diese Verbindung doch arg konstruiert. Bei „Neid“ allerdings passte alles. Natürlich sind die Handlungen in Krimis immer ziemlich unrealistisch. Anders aber als beispielsweise bei „Abgeschnitten“ von Sebastian Fitzek und Michael Tsokos mag diese Handlung vielleicht unrealistisch sein, unvorstellbar aber ist sie nicht. Deshalb kann ich „Neid“ nur empfehlen.

Florian Illies: 1913. Der Sommer des Jahrhunderts (Juni 2014)

Ich ärgere mich. Und zwar sehr. Nicht über das Buch. Sondern darüber, dass ich es erst so spät gelesen habe. Denn „1913“ ist grandios. Dabei hört sich der Inhalt im ersten Moment ziemlich dröge an: Das Jahr 1913 erzählt anhand von Anekdoten aus dem Leben berühmter Künstler (sowie Hitler und Stalin). Doch Florian Illies macht das auf so charmante und lockere Art, dass es einfach eine Freude ist. Nirgendwo hat man das Gefühl, einen Geschichtswälzer zu lesen. Dabei steckt sein Buch voller Geschichten. Mal seitenlang, mal nur lakonisch aus einem Satz bestehend. Besonders gefällt mir, dass Illies seine Hauptfiguren nicht zu ernst nimmt. Er macht sie aber auch nicht lächerlich, immer wieder wird klar, dass er seine Episoden ganz bewusst mit Blick auf das Jahr 1914 ausgesucht hat.

Kathrin Passig/Sascha Lobo: Internet – Fluch oder Segen (Mai 2014)

Länger hatte ich mich gesträubt, dieses Buch zu lesen. Denn irgendwie ist mir der rote Irokese Lobo nicht so richtig sympathisch – und dass, obwohl ich zugeben muss, mich vor über fünf Jahren seinetwegen bei Twitter angemeldet zu haben. Außerdem befürchtete ich, dass es sich um ein Fachbuch mit lauter Nerd-Chinesisch handelt.

Aber es hat sich gelohnt, meine innere Abwehr zu überwinden. Denn das Buch ist gut strukturiert, die einzelnen Kapitel sind leicht verständlich und bauen aufeinander auf. Den Anfang macht ein Kapitel, in dem es gar nicht wirklich ums Internet geht. Sondern ganz generell darum, weshalb es so schwer ist, sich auf andere Meinungen einzulassen. Und weshalb die „Gegner“ überhaupt anders denken könnten: „Mangelhafte Kenntnis der Tatsachen sei der einzig denkbare Grund dafür, dass jemand eine andere Meinung vertreten könnte als die eigene.“ Doch auch für den Leser haben Passig und Lobo einen guten Tipp parat: „Kalkulieren Sie den Drang ihres Gehirns ein, Ihren andere Weltanschauungen in einem unvorteilhaften Licht darzustellen.“

In den weiteren Kapiteln geht es Probleme mit der Informationsüberflutung, die Konflikte zwischen der Freiheit im Internet und notwendiger Regulierung oder Urheberrechtsfragen. Die Autoren geben keine abschließende Antwort auf die Frage, ob das Internet denn nun Fluch oder Segen ist. Aber sie geben in vielen Kapiteln Tipps zum Umgang mit und zum eigenen Verhalten im Internet. Einen dieser Tipps habe ich heute gleich umgesetzt. Wie Passig/Lobo als Ausweg aus der so genannten „Filterblase“ vorgeschlagen haben, habe ich kurz hinterfragt, weshalb ich einen Artikel erst wegklicken und nicht lesen wollte. Und kam dahinter, dass er einfach nicht konform zu meinen sonstigen Ansichten lief. Anschließend habe ich ihn dann viel bewusster gelesen. Alleine für diesen Ratschlag hat sich die Lektüre des Buches gelohnt.

Sebastian Fitzek/Michael Tsokos: Abgeschnitten (April 2014)

Ein wirklich spannender Krimi, den der Schriftsteller Fitzek und der Rechtsmediziner Tsokos da zusammen auf die Beine gestellt haben. Alleine durch das Wissen, dass die Obduktionsszenen von einem echten Fachmann stammen und somit wohl auch in Wirklichkeit so stattfinden, machten diese Szenen noch ein wenig gruseliger. Absolut unrealistisch aber war die Handlung, aber das sind Krimis ja eigentlich immer. Gestört hat mich jedoch das Ende, bei dem nicht nur ein Totgeglaubter wieder auf der Bildfläche erscheint, sondern gleich zwei. Gefallen aber hat mir, dass am Ende trotz einigermaßen glücklichem Ende trotzdem nicht alles Friede-Freude-Eierkuchen ist.

Richard Rickelmann: Tödliche Ernte (April 2014)

Aufgemacht ist das Buch des ehemaligen Stern– und Spiegel-Redakteurs wie ein Thriller – Schwarzes Cover mit einem giftgrünen Baum, an dem statt eines Apfels ein Totenschädel hängt. Doch der Untertitel verrät, dass es sich um ein Sachbuch handelt: „Wie uns das Agrar- und Lebensmittelkartell vergiftet“. Im Buch selbst rechnet Rickelmann mit den üblichen Verdächtigen ab, Monsanto knöpft der Autor sich ebenso vor wie Wiesenhof und andere Betreiber von Massentierhaltungsanlagen. So weit alles bekannt. Für mich neu und sehr interessant aber waren etwa die Verknüpfungen zwischen der Gentechnikindustrie und den europäischen und deutschen Zulassungsbehörden. Oder aber, wie nahe sich die Funktionäre des Bauernverbandes und die großen Agrarfirmen stehen. Alles in allem ein sehr interessantes Buch, wenn Rickelmann nicht ab und zu sehr polemisch werden würde. Ausdrücke wie „Agrar-Mafia“ oder Sätze wie „Monsanto versaute weiterhin unvermindert die Umwelt“ hätte Rickelmann sich sparen können.

Leo Tolstoi: Anna Karenina (April 2014)

Ausgehend vom Titel (und von meinen Erfahrungen mit Effie Briest) dachte ich, dass es eben nur um Anna Karenina geht. Und dann taucht die Dame erst auf Seite 86 auf. Und bis sie sich endlich mit Wronskij einlässt dauert es noch einmal weitere 100 Seiten.

Dafür gibt es im Buch noch viele andere Hauptfiguren, mit denen ich nicht gerechnet hatte und anhand derer alle Spielarten von glücklichen und unglücklichen Liebesbeziehungen durchgespielt werden.

Ich hatte natürlich damit gerechnet, dass Anna und Wronskij nicht glücklich bis ans Ende ihrer Tage miteinander leben würden. Umso erstaunter war ich aber, dass Anna sich tatsächlich von ihrem Mann trennt, dieser Wronskij jedoch nicht zum Duell fordert und Anna und Wronskij einige Zeit mit ihrer gemeinsamen Tochter ein einigermaßen glückliches Leben führen. Und ich muss zugeben, dass es mir gefallen hat, dass Anna nicht an einer Krankheit stirbt, sondern sich am Ende selbst das Leben nimmt. Effie Briest war da ein weniger selbstbestimmtes Ende beschieden.

Verzichten können hätte ich jedoch sehr gut auf die seitenlangen Exkurse zu den Themen Politik, Landwirtschaft und Aufbau der russischen Verwaltung. Und wenn mir jetzt noch jemand erklären könnte, wann der russische Adel seine Mahlzeiten zu sich nimmt… (Mittag um sieben Uhr???)

Alles in allem hat mir „Anna Karenina“ trotz seiner 1000 Seiten wirklich gut gefallen.

Frank Schätzing: Breaking News (März 2014)

Kurz auf den Punkt gebracht: Ich mag das Buch. Einerseits finde ich Schätzings Schreibstil einfach angenehm zu lesen. Obwohl er zwei unterschiedliche Handlungsstränge miteinander verwebt, gehen alle Orts- und Zeitwechsel harmonisch ineinander über. Andererseits mag ich an „Breaking News“, dass es zwar Fiktion ist, ich mir aber durchaus vorstellen kann, dass die Handlung auch in der Realität so passieren könnte. Auch hat Schätzing es geschafft, dass mir das komplizierte Thema Nahost-Konflikt ein wenig klarer geworden ist und ich das Gefühl habe, wenigstens die Grundzüge verstanden zu haben. Und zu guter Letzt hatte ich (warum auch immer) bei der Figur des Tom Hagen immer den Journalisten und Schriftsteller Helge Timmerberg vor Augen. Den habe ich einmal getroffen und fand ihn wirklich sympathisch.

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